Was es jetzt zu lesen gilt:

Ab sofort empfehlen Kulturschaffende und Literaturinteressierte aus Rostock auf diesem Weg (aktuelle) Literatur, die Sie trotz der momentanen Situation in der Buchhandlung Ihrer Wahl bestellen können. Damit wollen wir ein paar Anregungen liefern, Sie ablenken und Autor*innen, Verlage und Buchhandlungen, die unter den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona Virus leiden, unterstützen.

Katrin Möller-Funck empfiehlt: Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Der nächste Literaturtipp kommt von Katrin Möller-Funck, Leiterin des Kempowski Archivs Rostock:

Abenteuerroman!

Kloebles neuer Roman führt uns ins Indien des 19.Jahrhunderts. Eine fiktive Handlung wird mit realen, historischen Ereignissen verwoben, geschrieben in einer klaren Sprache.Bartholomäus ist ein "mindestens zwölfjähriger Junge", aufgewachsen in einem Waisenhaus in Bombay, der sechs Sprachen spricht und das "Museum der Welt" gründen möchte...

Kurzweilig und spannend!

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt. München: dtv Verlag, 2020, 528 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 24,00

Stephan Lesker empfiehlt: Ernst Augustin. Das Gesamtwerk

Der nächste Literaturtipp kommt von Stephan Lesker, Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. Lutz Hagestedt am hiesigen Lehrstuhl für neuere und neueste Literatur:

Der Schriftsteller Ernst Augustin starb am 3. November 2019. Hinterlassen hat er uns eine –gerade in diesen Zeiten – unschätzbare Botschaft: Die Macht der Phantasie kennt keine Grenzen. Was tun, wenn die Realität unerträglich geworden scheint? Denken wir uns doch eine schönere, denn das (Aus-)Denken einer besseren Welt ist nicht nur ein nettes Gedankenspiel, es ist auch der erste Schritt zu ihrer Realisierung oder zur kritischen Überprüfung des eigenen Verhaltens. Augustins Welten stellen die Wirklichkeit auf die Probe, und häufig besteht sie den Vergleich mit der Phantasie nicht. Das Ausgedachte, ist bei ihm immer schöner, anziehender, farbenfroher oder doch wenigstens spannender als die Wahrheit. Wenn Sie Augustin lesen, brauchen Sie eigentlich nur einen Merksatz: Alles, was sich denken lässt, könnte sich auch ereignen. Am eindrucksvollsten hat Augustin dies in seinem Roman „Der amerikanische Traum“ vorgeführt; und da man irgendwo anfangen muss, beginnen Sie am besten gleich damit und erkunden von dort aus Augustins Phantasiewelten:

Der Kopf

Raumlicht: Der Fall Evelyn B.

Eastend

Der amerikanische Traum

Mahmud der Bastard

Schönes Abendland

Gutes Geld

Die Schule der Nackten

Der Künzler am Werk

Badehaus II

Robinsons blaues Haus

Das Monster von Neuhausen

Goldene Zeiten (Hörbuch – Autorenlesung)

Andrea Krause empfiehlt (für Kinder): Emmi und Einschwein - Einhorn kann jeder von Anna Böhm

Der nächste Literaturtipp kommt von Andrea Krause, Bibliothekarin in der Stadtbibliothek Rostock:

Emmi wünscht sich zu ihrem 10. Geburtstag ein Einhorn. In Wichtelhausen, wo Emmi lebt, darf sich jedes Kind zu seinem 10. Geburtstag ein Fabelwesen wünschen. Aus dem Zaubernebel taucht aber ein unförmiges Schweinchen mit einem Horn zwischen den Schweinsohren auf. Emmi ist entsetzt und frustriert. In dieser fantastisch turbulenten Geschichte lernt Emmi nach und nach die Qualitäten ihres Einschweins schätzen und möchte es nicht mehr missen.

Anna Böhm (Text) / Susanne Göhlich (Illustr.): Emmi und Einschwein - Einhorn kann jeder. Oetinger Verlag, 2018, 208 S., 13,00 €.

Ralph Reichel empfiehlt: «Qualityland« von Marc-Uwe Kling

Der nächste Literaturtipp kommt von Ralph Reichel, Intendant und Geschäftsführer am Volkstheater Rostock:

Die ersten Texte von Marc-Uwe Kling habe ich im Auto auf CD gehört. So auch den Anfang von QualityLand. Eine zwischendurch eingelegte Kinderlieder-CD meines Sohnes hängt jetzt im CD-Player fest und blockiert ihn dauerhaft. Ich musste also ganz traditionell lesen, um die Geschichte weiter verfolgen zu können. Es war ein Gewinn. Mir macht die Sprache, machen die skurrilen Wendungen, der hellsichtige Wahnsinn des Autors noch mehr Spass, wenn ich lese. Leider möchte man sagen, passt das Buch sehr in unsere Tage. Aber es hat Humor. Eine Geisteshaltung, die mir gegenwärtig zu oft abwesend ist. Humor hilft lachend Abstand zu halten und Dinge so besser oder neu zu verstehen.

Marc-Uwe Kling: Qualityland. Berlin: UllsteinVerlag, 2019, 384 Seiten, Taschernbuch, 11,00

Wiebke Juhl- Nielsen empfiehlt: «Alles richtig gemacht« von Gregor Sander

Der nächste Tipp kommt von Wiebke Juhl- Nielsen, Studienleiterin für Kultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche:

„Alles richtig gemacht“ betitelt der Schriftsteller Gregor Sander seinen neuen Roman.
Er setzt am Ende des Satzes kein Ausrufe- oder Fragezeichen. Es ist eine einfache Aussage, die eine abgeschlossenen Geschichte suggeriert, in der es keine Besonderheiten zu erzählen gibt. Alles richtig gemacht, das Ende ist also gut; somit kann ein Punkt hinter dem letzten Satz gesetzt und das Buch zugeschlagen werden.
Aber Gregor Sander hat mitnichten einen vorhersehbaren Roman geschrieben. Mit einer für ihn typischen Leichtigkeit verbunden mit trockenen Humor und gehaltvoller Tiefe, beschreibt Gregor Sander das Leben zweier ungleicher Freunde, die in der DDR - in Rostock - aufgewachsen sind, nach der Wiedervereinigung gemeinsam die ersten turbulenten Jahre in Berlin erleben, dann aber verschiedene Wege einschlagen und sich aus den Augen verlieren.
Thomas, der studierte Jurist, arbeitet als Strafverteidiger in einer Kanzlei, ist verheiratet, hat zwei Töchter und führt ein gut situiertes Leben. Eigentlich könnte er mit seinem Leben zufrieden sein. „Doch dann verschwindet seine Frau und nimmt die beiden Töchter gleich mit – und Thomas weiß nicht so recht, warum. Dafür ist der seit Jahren verschwundene Daniel plötzlich wieder da, sein bester Freund aus Rostocker Kindertagen.“ Der unangepasste Draufgänger von damals musste wegen krummer Geschäfte für lange Zeit untertauchen und verschwand aus Thomas Leben.
Nun ist er wieder da und Thomas fragt sich, ob Daniel etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat. Was hat er falsch gemacht und was hat eigentlich wer richtig gemacht?

Gregor Sander skizziert mit schneller aber präziser Feder die Lebenssituationen und -gefühle einer ganzen Generation. Er verbindet private Entwicklungen mit politischen Ereignissen aus den letzten Jahrzehnten Deutschlands. Gesellschaftspolitisch relevante Ereignisse, wie z. B. die rassistisch motivierten Angriffe in Rostock-Lichtenhagen 1992, haben Auswirkungen auf die Protagonisten und beeinflussen ihr Handeln.
Durch die Zeitsprünge und erzählerischen Wendungen konstruiert Gregor Sander einen Roman, der spannungs- und gehaltvoll ist und sich wunderbar leicht lesen lässt.

Es freut mich sehr, dass wir die Lesung und das Gespräch mit Gregor Sander, das am 18. März aufgrund der Corona Pandemie ausfallen musste am 04. November 2020 bei uns im Hause, Am Ziegenmarkt 4, nachholen werden können.
Weitere Informationen und Empfehlungen zu und über Gregor Sander und seine Literatur finden Sie auf seiner Homepage: www.gregorsander.com

Gregor Sander: Alles richtig gemacht. München: Penguin Verlag, 2019, 240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 20,00



Harry Körber empfiehlt: «Metropol« von Eugen Ruge

Der nächste Literaturtipp kommt von Harry Körber, Leiter der Geschäftsführung bei Altstadtdruck in Rostock:

Eigentlich wollte ich nach «In Zeiten des abnehmenden Lichtes« nicht noch ein Ruge hören (Ich bin durch mein Pendlerdasein vom Leser zum Hörbuchhörer geworden), zu sehr habe ich mich in dem Buch falsch gefühlt. Das das aber wohl eher mein Problem als das des Buches war, zeigt « Metropol«. Noch nie habe ich so einbezogen die Zeit erlebt, als Stalin die Säuberungswelle unter den emigrierten Kommunisten durchgezogen hat. Diese Mischung aus Verzweiflung, Glauben wollen und sich im Glauben missbrauchen lassen und gleichzeitig diese Begeisterung über den sich wirklich aus dem Feudalismus herauskatapultierenden Staat Sowjetunion. Das Buch zieht einen in beides hinein und deprimiert dabei durch diesen Sog, dieses Miterleben des Verlustes des gesunden Menschenverstandes zugunsten einer „großen Idee“. Und das dadurch entstehende ungeheuerliche Verbrechen an dem Einzelnen. In dieser Hinsicht hat Ruge die Kafkaeske Tradition der Hoffnungslosigkeit des Daseins in eine leider erlebte Realität gesetzt, hat damit auch die Verführbarkeit jedes Einzelnen sichtbar gemacht. Da ich das genau in der Zeit gehört habe, als Corona stillschweigend auch hier und jetzt alle Freiheitsrechte zugunsten des Schutzes der Nation entsorgte, war die Niedergeschlagenheit in zweifacher Hinsicht präsent. Dennoch muss ich das Buch loben, denn wenn einem die gut geschilderte Realität erschreckt, dann ist dieser Schrecken ein wichtiges Erlebnis des Begreifens von Vergangenheit und Gegenwart. Es ist damit näher dran am Heute, als Camus: «Die Pest« – auch wenn dieses dem Namen nach besser passt.

Eugen Ruge: Metropol. Hamburg: Rowohlt Verlag, 2019, 432 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 24

Jule empfiehlt (für Erwachsene): «Der Report der Magd« von Magaret Atwood

Der nächste Tipp kommt von Jule, Projektleiterin für Leseförderung / Kinder- und Jugendliteratur im Literaturhaus Rostock:

„Ein Stuhl, ein Tisch, eine Lampe“ ist der Beginn einer Geschichte, die jeder Liebhaber dystopischer Romane wahrgenommen haben muss. Die drei Begriffe entstammen der Feder Margaret Atwoods (Jahrgang 1936), welche 1985 mit ihrem Roman «Der Report der Magd« die düstere Welt Gileads beschrieb: Einem patriarchischen Gebiet voller Despoten, welche die letzten gebärfähigen Frauen symbolträchtig (vermeintlich biblisch gerechtfertigt) systematisch vergewaltigen. Durch den Bericht von Desfred gelingt es der Autorin Niederdrückung, Terror und das Aushebeln von Menschenrechten so eindrücklich zu erzählen, dass das Buch sehr lange nachhallt. «Die Zeuginnen«, eine Fortsetzung, 2017 erschienen und damit über 30 Jahre nach Erscheinen des ersten Buches“, beschreibt die Geschehnisse Gileads aus Sicht weiterer Personen.Seit 2015 wird die Geschichte als preisgekrönte Serie adaptiert mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle. 

 Margaret Atwood: Der Report der Magd. München: Piper Verlag, 2017, 413 Seiten, 12 €.

Jule empfiehlt (für Kinder): Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens

Der nächste Tipp kommt von Jule, Projektleiterin für Leseförderung / Kinder- und Jugendliteratur im Literaturhaus Rostock:

Hans Christian Andersen (1805–1875) erweiterte das Repertoire an Märchen, die seinerzeit nur von den Gebrüder Grimm bekannt waren (Kinder- und Hausmärchen), mit neuen Geschichten. Jeder kennt aus seinen Kindertagen die Kunstmärchen „Däumelinchen“, „Das hässliche Endlein“ oder „Die Schneekönigin“ – um hier nur drei von Dutzenden zu nennen, die aus der Feder Andersens stammen. Das neue Kinderbuch „Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens“ von Heinz Janisch (Text) und Maja Kastelic (Illustr.) erzählt auf detaillierte und einfühlsame Weise, wie der Junge Hans den ärmlichen Verhältnissen seiner Familie entfloh und sein Glück suchte. Er fand es schlussendlich beim Schreiben und war zu Lebzeiten neben Charles Dickens und den Grimm-Brüdern ein vielgelesener Autor.

Das neue Kinderbuch, das sich vor allem mit der Ideensuche Andersens beschäftigt, versteckt in seinen Illustrationen eine weitere Vielzahl an Kinderbuchhelden, die es beim Vor- oder Selbstlesen zu entdecken gilt.

Empfohlen für Kinder ab 5 Jahren.

Heinz Janisch (Text) / Maja Kastelic (Illustr.): Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens. Zürich: NordSüd Verlag, 2020, 56 S., 16,00 €.

Mehr Lektüretipps für Kinder und Jugendliche findet ihr hier!

Virginie empfiehlt: «Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan

Der erste Tipp kommt von Virginie, Bundesfreiwilligendienstleistende im Literaturhaus Rostock:

Pierre Jarawan ist Autor, Poetry Slammer, Veranstalter und Moderator aus München. Er wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Jordanien geboren. Als er drei Jahre alt war kam er aufgrund des libanesischen Bürgerkriegs nach Deutschland. Der Roman »Ein Lied für die Vermissten« (Berlin Verlag) ist sein zweiter Roman und erschien am 02.März 2020.
Im Mittelpunkt des Romans steht Amin, ein junger Mann, der aufgrund des Bürgerkriegs im Libanon nach Verlust seiner Eltern mit seiner Großmutter im Kleinkindalter nach Deutschland kam. Als er 12 Jahre alt ist, beschließt seine Großmutter, dass es Zeit für sie ist, nach Beirut zurückzukehren. Mit wortgewaltiger und poetischer Sprach zieht der Autor den Leser in eine Welt hinein, die von einem Mann, einer Familie, einer Stadt und einer verlorenen Generation handelt. Immer wieder wird der Leser aus der Zeit gerissen, weiter zurück in der Vergangenheit geschickt, so erfährt der Rezipient nach und nach die Geheimnisse der Familie kennen. Eine Familie, deren Vergangenheit zunächst in Schweigen gehüllt wird. Die Großmutter gibt kaum etwas über die Vergangenheit preis, stattdessen versucht sie ihrer Ohnmacht in der Malerei Ausdruck zu verleihen, insbesondere das Porträt ihrer Tochter unter dem Apfelbaum ihres Gartens mit dem Titel »Ein Lied für die Vermissten« steht im Fokus. Die Geschichte der Familie ist eng mit der Historie des Landes verbunden und Jarawan vereint scheinbar mühelos persönliches Erleben der Charaktere des Romans mit politisch Brisantem. Es ist eine Coming-of-Age Geschichte, eine Familiengeschichte, aber auch die Geschichte einer ganzen Generation Nachgeborener, die nach Antworten sucht.

Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten. Berlin: Berlin Verlag, 2020, 464 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, € 22,00