Was es jetzt zu lesen gilt:

Ab sofort empfehlen Kulturschaffende und Literaturinteressierte aus Rostock auf diesem Weg (aktuelle) Literatur, die Sie trotz der momentanen Situation in der Buchhandlung Ihrer Wahl bestellen können. Damit wollen wir ein paar Anregungen liefern, Sie ablenken und Autor*innen, Verlage und Buchhandlungen, die unter den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona Virus leiden, unterstützen.

Jule Foth empfiehlt (für Jugendliche): "Der Vogelschorsch" von Hannes Wirlinger

„Manche Menschen überfallen einen wie ein heftiger Sturm“, beginnt dieses Buch: Georg, genannt Schorsch, ist 17 Jahre alt und ein Sonderling. Seine besten Freunde sind Vögel. „Vogelschorsch“ nennt ihn deshalb die Nachbarstochter Lena und freundet sich mit ihm an. Die Welt des Vogelschorschs ist faszinierend. In der Ornithologie findet der Junge Antworten zum Leben und zur Wiedergeburt. Georgs Auftreten, seine Gedanken, sein Verhalten – all das fasziniert Lena. Bald jedoch erkennt sie, dass den Jungen ein Geheimnis umgibt, vor dem er zu fliehen versucht. Achtung! Triggerwarnung für Jugendliche: Die Konsequenz dieser Flucht ist so verstörend, weshalb Erwachsene mit jugendlichen LeserInnen über dieses Buch nach der Lektüre sprechen sollten.

„Der Vogelschorsch“ ist das erste Jugendbuch des österreichischen Autors Hannes Wirlinger (Jahrgang 1970). Es wurde Anfang Mai 2020 mit dem "Österreischen Kinder- und Jugendbuchpreis" ausgezeichnet. Grafisch begleitet wird die Geschichte mit eindringlichen Grafiken und Collagen von Ulrike Möltgen, die ihr Handwerk einst bei Wolf Erlbruch erlernt hat. In diesem Buch präsentiert sie kleine, leise Meisterwerke. Empfohlen für Jugendliche ab 14 Jahren.

Wirlinger, Hannes: Der Vogelschorsch. Berlin: Jacoby & Stuart 2019, 304 S., 18,00 Euro.

Emily Grunert empfiehlt: Arbeit von Thorsten Nagelschmidt

Der nächste Literaturtipp kommt von Emily Grunert, Programmleiterin am Literaturhaus Rostock:

Unsere Beschäftigungsverhältnisse verändern sich zurzeit drastisch. In den Nachrichten wird über die Bezeichnung „systemrelevante Berufe“ diskutiert und versucht, Verantwortung und Bezahlung in Relation zu setzen.  Passend dazu erscheint im S. Fischer Verlag jetzt ein Gesellschaftspanorama mit dem simplen Titel „Arbeit“. Geschrieben hat es Thorsten Nagelschmidt, seines Zeichens Autor und Frontmann der Band „Muff Potter“.

Aus einem Dutzend verschiedener Perspektiven schildert der Roman eine Freitagnacht zwischen Berlin Kreuzberg und Marzahn. Während sich Geschäftsführer Sheriff um die streitenden Dauergäste in seinem Hostel kümmert, ist Türsteher Ten vor der Clubtür gezwungen, seine familiäre Situation zu überdenken und der Taxifahrer Bederitzky lässt sich zu einer Fahrt ins verhasste Halle an der Saale überreden. Es kommt zum zweiten Überfall auf einen Späti, einem aufsehenerregenden Fahrradunfall, der ersten Drogeneskapade eines längst Abstinenten. Ein Buch wie ein Kurztrip in die Hauptstadt, der die Frage aufwirft: Auf wessen Kosten verändert sich eine Stadt, die immer jung sein soll? Für wen bedeutet das noch Freiheit, und wer macht hier später eigentlich den ganzen Dreck weg?

Am 26. Mai sollte Thorsten Nagelschmidt eigentlich im Literaturhaus Rostock auftreten, dieser Termin musste auf den 16. September 2020 verschoben werden. Die Buchpremiere von "Arbeit" findet am 29.04.2020 als Live-Übertragung aus dem Festsaal Kreuzberg statt.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Frankfurt am Main. Fischer Verlag, 2020, 332 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, € 22,00 

Christian Ahnsehl empfiehlt: Die Tage in L. von Ronald M. Schernikau

Der nächste Literaturtipp kommt von Christian Ahnsehl, Autor ("Der Ofensetzer") und Musiker aus Rostock:

Ronald M. Schernikau, 1960 in Magdeburg geboren, wächst in der Bundesrepublik auf. Mit 16 wird er Mitglied der DKP. 1986 gelingt es ihm, zum Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig zugelassen zu werden. 1989 erhält er die DDR-Staatsbürgerschaft. 1990, auf dem letzten DDR-Schriftstellerkongress, bezeichnet er den Herbst 1989 als Sieg der Konterrevolution. 1991 stirbt er an Aids.

Heillos ist Schernikau dem Glauben an die kommunistische Utopie verfallen. Wer weiß, wie es war, diese Brille aufzuhaben, fühlt sich wie auf einer Zeitreise: Man ist genervt von den Absurditäten des sozialistischen Alltags, verzweifelt an Phrasen und Schönfärberei – und verteidigt die DDR bis aufs Messer. Schließlich ist sie ja das bessere Deutschland. Freilich, wenn es ans Eingemachte geht, herrscht Schweigen: Kein Wort schreibt der glänzende Stilist Schernikau über die Stasi und ihre Methoden, über die Verlogenheit der Staatsbürgerkundelehrerinnen, über Jugendwerkhöfe, zerstörte Altstädte und die kaputte Umwelt. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es höchst spannend, „Die Tage in L.“ zu lesen. Denn wer nie wieder den Versprechungen einer Utopie auf den Leim gehen will, sollte sich mit ihren klügsten Verfechtern auseinandersetzen. Zu denen gehörte auch Ronald M. Schernikau.

Ronald M. Schernikau: Die Tage in L. Darüber, dass die DDR und die BRD sich niemals verständigen können, geschweige mittels der Literatur. Konkret Literatur Verlag. 2001, Gebundene Ausgabe, 216 Seiten, € 15,00

 

Katharina Schlaack empfiehlt: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben von Kristen R. Ghodsee

Der nächste Literaturtipp kommt von Katharina Schlaack, Regionalbüroleiterin, Rosa-Luxemburg-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern:

Ein Buch mit diesem Titel musste ich einfach lesen :) Der Titel verspricht eine Erklärung für die Behauptung, Frauen hätten besseren Sex im Sozialismus. Dieses Vorhaben gelingt der Autorin Kristen R. Ghodsee auch sehr gut. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen den Wesensmerkmalen sozialistischer Gesellschaften und der freien Entwicklung von Frauen her. Als gebürtige US-Amerikanerin vergleicht sie Errungenschaften und Projekte osteuropäischer Länder seit dem Kalten Krieg mit der amerikanischen Gesellschaftsentwicklung und zeichnet ein düsteres Bild für die amerikanischen Frauen. Diese begeben sich häufig in kalkulierte Lebenspartnerschaften und erhalten im Gegenzug Komfort, Konsum und Unterstützung in der Kinderbetreuung.

Hingegen konnten und können  Frauen in ehemaligen sozialistischen Ländern ihr Leben selbst bestimmen. Elemente wie Erziehungsurlaub, staatlich organisierte Kinderbetreuung, kostenfreie Bildung, Krankenversicherungen und natürlich Zugang zu Arbeitsplätzen verschafft Frauen ein selbstbestimmtes Leben. Der Sozialismus hatte für Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit zur Folge und das wiederum führte zu Liebesbeziehungen frei von finanziellen Überlegungen.

Ein gut recherchiertes und sympathisches Buch, das mich in meiner politischen Überzeugung weiter gestärkt hat.

Kristen R. Ghodsee: Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2019, 277 Seiten, Klappbroschur, € 18,00

Eileen Hage empfiehlt: Sturm von Christoph Scheuring

Der nächste Literaturtipp kommt von Eileen Hage, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Rostock:

Wer den alltäglichen Stürmen der Nachrichtenerstattung, den Sorgen und des Lagerkollers entfliehen möchte, dem sei Christoph Scheurings neuer Jugendroman ans Herz gelegt. Nora, die junge Klima- und Tierschutzaktivistin, durchlebt unruhige Zeiten. Der Romantitel “Sturm” ist Programm. Zu Hause, in der Schule und schließlich auf dem Pazifik. Nachdem Nora gegen einen großen Schlachthof rebelliert, wird sie zu gemeinnütziger Arbeit bei einem Fischer an der kanadischen Küste verpflichtet. Im Verlauf der Ereignisse bekommt Nora nicht nur einen anderen Blick auf den jungen Fischer Johan, sondern ebenso auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur.

Christoph Scheuring: Sturm. Bamberg: Magellan Verlag 2020. 304 Seiten, Hardcover, 18,00 ab 14 Jahren.

Steffen Dürre empfiehlt: Die Pest von Albert Camus

Der nächste Literaturtipp kommt von Steffen Dürre, Grafik Designer und Herausgeber der Literaturzeitschrift Weisz auf Schwarz:

Etwa zu Frühlingsanfang des genannten Jahres begann die Krankheit schrecklich und erstaunlich ihre verheerenden Wirkungen zu zeigen. (...) Die Seuche gewann um so größere Kraft, da sie durch den Verkehr von Kranken auf die Gesunden überging, wie das Feuer trockene oder brennbare Stoffe ergreift, wenn sie ihm nahe gebracht werden.

Ohne Fatalismus möchte ich zum Lesen oder Wiederlesen von Camus‘ Die Pest einladen. In Zeiten wie diesen mutet die Lektüre dieses Buches wahrscheinlich morbide an. Drei Gegenargumente jedoch gibt es: Es ist ein gutes Buch und ein gutes Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es unabhängig von allen denkbaren Regimen ein gutes bleibt – und sei es unter dem Regime von COVID-19. Zudem hält es uns in Zeiten eines grassierenden Virus eine zwar vergleichbare, aber ebenso ungleich schlimmere Situation vor Augen. Dies spendet Trost, gibt Hoffnung und schärft im besten Fall das Bewusstsein für die ungemein privilegierte Situation, in der wir uns immerhin noch befinden. Und nicht zuletzt bietet es dem Leser eine interessante Studie menschlichen Verhaltens in Ausnahmesituationen wie der einer Seuche. Man kann nur ahnen, was es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die die gesamte Gesellschaft umfassen und anzuerkennen, dass der normale Alltag ein anderer sein würde.

„Sagen Sie mir aufrichtig, sind Sie überzeugt, daß es die Pest ist?“ „Sie stellen die Frage falsch. Es ist nicht eine Frage der Bezeichnung, es ist eine Frage der Zeit.“ „Sie finden also“, sagte der Präfekt, „daß, selbst wenn es sich nicht um die Pest handelt, man trotzdem die Maßnahmen ergreifen sollte, die für Pestzeiten vorgesehen sind?“ (…) „Die Formulierung ist mir gleichgültig“, sagte Rieux. „Sagen wir einfach, daß wir uns nicht benehmen dürfen, als liefe nicht die halbe Stadt Gefahr, getötet zu werden, denn sonst wird sie es.“

Nicht nur der Druck, der auf den ärztlichen Schultern lastet, findet in Camus‘ Roman von 1947 eine äußerst nachvollziehbare und glaubhafte Darstellung, auch die Bürger, die die ersten Anzeichen der Pest erst nicht verstehen, dann ignorieren und dann sämtliche Phasen der Stressbewältigung durchmachen, die man sich denken kann – Hysterie, Aberglaube, Resignation und Hoffnung bis hin zur scheinbar vollständigen Amnesie nach dem Abklingen der Pest – sind realistische Zeichnungen, weil man sie eben auch in unseren Tagen wiederzufinden glaubt: die Leugner, die Leichtsinnigen, die Helfer und die Vorsichtigen.

Viele hofften indessen, die Seuche werde aufhören und sie und die ihren verschonen. Infolgedessen fühlten sie sich noch zu nichts verpflichtet. Die Pest war für sie bloß ein unangenehmer Besuch, der eines Tages auch wieder fortgehen mußte, wie er gekommen war. Sie waren erschreckt, aber nicht verzweifelt, und der Zeitpunkt war noch nicht erreicht, da sie in der Pest ihre eigentliche Lebensform erblicken und ihr bisheriges Dasein vergessen würden. Kurz, sie warteten.

Der Roman ist darum so gut, weil er seine Erzählkraft in Tagen wie diesen noch umso mehr unter Beweis stellt. Denn die Bewegungen der Stadt, die Camus in seinem Roman beschreibt, sind dieselben unserer heutigen Gesellschaft, die sich durch die Krise und aus ihr heraus zu warten hofft:

Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: „Er kann nicht lange dauern, es ist zu unsinnig.“ Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran, lange zu dauern. (…) Unsere Mitbürger waren nicht schuldiger als andere, sie vergaßen nur die Bescheidenheit und dachten, daß ihnen noch alle Möglichkeiten offenblieben, was aber voraussetzt, daß Heimsuchungen unmöglich sind. Sie schlossen auch weiterhin Geschäfte ab, bereiteten Reisen vor und hatten eine Meinung. Wie hätten sie da an die Pest denken sollen, die der Zukunft, dem Reisen und dem Gedankenaustausch ein Ende macht? Sie glaubten sich frei, und keiner wird je frei sein, solange es Geißeln der Menschheit gibt.

Die einzige Maßnahme, die alle Leute zu beeindrucken schien, war die Verhängung des Ausgehverbotes.

Gerade zu Ostern hatte man den Eindruck, als habe Camus Szenen aus der Bundesrepublik abgeschrieben:

Die Zahl der Fußgänger stieg beträchtlich, und selbst während der ruhigsten Tageszeit belebten viele Leute die Straßen und Cafés, weil sie durch die Schließung der Läden oder einzelner Betriebe zur Untätigkeit gezwungen wurden. Für den Augenblick waren sie noch nicht arbeitslos, sondern im Urlaub. Damals erweckte Oran zum Beispiel nachmittags gegen drei Uhr und bei schönem Wetter den trügerischen Eindruck einer Stadt, die ein Fest begeht (…).

Einen Haken jedoch hat das Buch. Es ist ein Buch ohne Frauen. Die Protagonisten sind Männer, die Entscheider sind Männer, die und Frauen sind lediglich die abwesenden unerreichbaren Geliebten oder die hilfsbedürftige Mutter. Das mag an Camus‘ längst attestiertem ödipalen Verhältnis zu Frauen liegen, tröstet jedoch nicht über den Umstand hinweg, dass sein Existentialismus ein männliches Privileg bleibt.

Einen Roman über COVID-19 gibt es noch nicht, obwohl Verschwörungstheoretiker bereits in früheren Erscheinungen Belege für die heutige Pandemie zu wittern glauben. In Ermangelung an entsprechender Literatur seien hier ein paar Empfehlungen zur Lektüre gegeben – sei es zur Erbauung oder zur ironischen Studie menschlichen Verhaltens und der Geschichte: Albert Camus‘ Die Pest, Daniel Defoes Die Pest zu London, Thomas Manns Der Tod in Venedig, Heinrich von Kleists Der Findling, Edgar Allan Poes König Pest, Gabriel Maria Marquez‘ Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Ib Michaels Die Nacht des Troubadours, Wiliam Owen Roberts‘ Der schwarze Tod und so weiter.

Albert Camus: Die Pest. Hamburg: Rowohlt Verlag, 1998, Taschenbuch, 12,00 € 

Everest Girard empfiehlt: Schiefern von Esther Kinsky

Der nächste Literaturtipp kommt von Everest Girard, Übersetzerin und Autorin:

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky hat mich in ihrem gerade veröffentlichten Lyrikband Schiefern wieder einmal beeindruckt. Sie verschiebt die Grenzen der Sprache, schichtet sie, erkundet ihre Fremdheit und lässt uns darin eintauchen.

Esther Kinsky: Schiefern. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2020, 103 Seiten, Hardcover, € 24,00

 

 

 

 

 

 

Martina Bade empfiehlt: ...trotzdem Ja zum Leben sagen! von Viktor E. Frankl

Der nächste Literaturtipp kommt von Martina Bade, Leiterin der Rostocker Stadtbibliothek:

In diesen Zeiten ist vielleicht die Gelegenheit und auch die Notwendigkeit zu tiefgründigerer, aber auch optimistischer Lektüre.

„… trotzdem JA zum Leben sagen!“
von Viktor E. Frankl

1905 in Wien geboren studierte Frankl Medizin und spezialisierte sich auf die Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie. Zunächst Schüler von Sigmund Freud und Alfred Adler begründete er bald selbst eine eigene Ausrichtung innerhalb seiner psychiatrischen Arbeit, die Logotherapie.
Seit 1930 war er Doktor der Medizin und wendete sich 1949 mit dem Titel ‚Ärztliche Seelsorge’ an das medizinische Fachkollegium.

Mehrere Jahre musste er in deutschen Konzentrationslagern verbringen. Doch trotz all des Leids, das er dort sah und erlebte, kam er zu dem Schluss, dass es selbst an Orten der größten Unmenschlichkeit möglich ist, einen Sinn im Leben zu sehen. Seine Erinnerungen hielt er in diesem tief bewegenden, aber nie rührseligen Buch fest.

Der Mensch, so die Überzeugung der Logotherapie und Existenzanalyse, ist grundsätzlich frei zu Entscheidung und Wahl der eigenen Haltung – und kann so Stellung nehmen zu den charakterlichen, körperlichen, psychischen, sozialen bzw. gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen wir alle konfrontiert sind. Mit dieser Überzeugung überlebte Frankl das Lager.

Viktor E. Frankl: ...trotzdem Ja zum Leben sagen. München: Penguin Verlag, 2020, 192 Seiten, Taschenbuch, 10,00 € 

Jule Foth empfiehlt (für Kinder): Ein Sommer in Sommerby von Kirsten Boie

Der nächste Literaturtipp kommt von Jule Foth, Projektleiterin für Leseförderung / Kinder- und Jugendliteratur am Literaturhaus Rostock:

Kirsten Boie ist kürzlich 70 Jahre alt geworden. Die Mutter von „Thabo“ oder vom „Ritter Trenk“ ist seit Jahren eine der renommiertesten Kinderbuchautorinnen Deutschlands. 2007 erhielt sie für ihr Gesamtwerk den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises. Kirsten Boie wird zu recht mit Astrid Lindgren verglichen. Ihre Bücher sind lebhaft, voller Witz und liebevollen, schlagfertigen und schrulligen Figuren. Boie versteht es, ihre jungen LeserInnen mit einem kindgerechten Gestus und einer strukturierten, zackigen Handlung in den Bann zu ziehen. In „Ein Sommer in Sommerby“ müssen die Geschwister Martha, Mikkel und Mats plötzlich und bis auf weiteres zu ihrer Oma Inge aufs Land. Das wäre kein Problem, wenn die Kinder die Großmutter denn kennen würden. Aber das tun sie eben nicht, denn Mama und Papa haben seit Jahren den Kontakt zur Oma Inge abgebrochen. Dann lebt die auch noch auf dem öden Land, wo es nicht einmal WLAN gibt. Die Oma macht ihre Marmelade selbst und die Eier kommen nicht aus dem Supermarkt, sondern aus dem Hühnerstall. Doch schon bald braucht Oma Inge Hilfe, und die Kinder bemerken, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Boie, Kirsten (Text) / Körting, Verena (Illustr.): Ein Sommer in Sommerby, Hamburg: Oetinger Verlag, 319 S., 14,00 Euro. Empfohlen für Kinder ab 10 Jahren.

Bookster HRO empfiehlt: Eisfuchs von Tanya Tagaq

Der nächste Literaturtipp kommt vom Bookster HRO, Rostocks bestem Buchblogger:

Meistens bin ich mit Büchern nach der Lektüre im Reinen. Sie gefallen mir oder auch nicht oder nur so lala, im Normalfall kann ich das jedenfalls einigermaßen begründen. Aber manchmal – eigentlich sehr selten – lehne ich mich nach dem letzten Satz eines Buches zurück und frage mich: »Was zum Geier war das denn, bitteschön?« EISFUCHS, der Debütroman der kanadischen Musikerin Tanya Tagaq, ist ein solcher Fall.

Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen Mädchens, das in der kanadischen Arktis aufwächst, hoch oben im Norden, im ewigen Wechsel zwischen Mitternachtssonne und Polarnacht. Es sind die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts – eine trostlose Zeit, in der die Erwachsenen im Alkohol und die Jugendlichen im Drogenrausch Zuflucht suchen; Gesetz und Moral scheinen verloren. Die Gesellschaft wird von einer rigiden Hackordnung bestimmt, die Starken regieren über die Schwachen; wer sich nicht wehren kann, geht unter. So etwas wie Zuneigung gibt es nur innerhalb der eigenen Familie, und auch dort nur bedingt.

Immer wieder kommt es zu sexuellen Übergriffen. Auch die Ich-Erzählerin wird mehrfach Opfer von Vergewaltigungen, bis sie schließlich ungewollt schwanger wird. Spätestens hier ist für das Mädchen der Punkt erreicht, an dem das normale Verständnis für die Welt nicht mehr ausreicht – sie flüchtet in die Mythen der Inuit, in denen die Natur von Anbeginn der Zeit von alten Geistern bewohnt ist. Der schlaue, starke und stolze Eisfuchs wird ihr Seelentier, sie wird von den Polarlichtern geschwängert und gebährt Zwillinge, die Sonne und den Mond, die ihr die größten Opfer abverlangen.

Tanya Tagaq (*1975) erzählt ihre – hoffentlich nicht allzu biografische – Geschichte auf drei Arten. Zunächst einmal sind da die Kindheitserinnerungen, die sehr realistisch geschrieben sind. Hier wird abgedeckt, was man aus amerikanischen High-School-Filmen so kennt: Verliebtsein, Streiche spielen, Machtkämpfe, Drogen, und eben auch besagte Übergriffe. Diese Schilderungen werden nach und nach von der symbolreichen Traumwelt abgelöst, deren Duktus sehr viel reifer, intimer, aber auch vulgärer ist. Durchbrochen wird der Text immer wieder von Gedichten, in denen angedeutet wird, was in den Kapiteln ungesagt – oder unsagbar – blieb.

Keine Frage: EISFUCHS ist ein intensives Buch, das einem an manchen Stellen die Kehle zudrückt; besonders im letzten Drittel schmerzt jeder zweite Satz wie ein Leberhaken. Tanya Tagaq ist eine sprachmächtige Schriftstellerin, die die Worte einsetzen kann, ohne je ihr Ziel zu verfehlen. Ob sie es mit dieser episch erhebenden und dennoch harten Sprache schafft, alle Leser:innen gleichermaßen abzuholen, bezweifle ich stark, aber vielleicht will das Buch in erster Linie gar nicht gefallen. EISFUCHS ist ein kaltes Kunstwerk, geboren aus Schnee und Blut und Nacht – wer es liest, verlässt die Komfortzone; wer es verpasst, bringt sich um ein Erlebnis.«

Tanya Tagaq: Eisfuchs. München: Antje Kunstmann Verlag, 2020, 196 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 20,00 € 

Übersetzt von Anke Caroline Burger

Ron Zeug empfiehlt: A Child's Journey von Bea Davies

Der nächste Literaturtipp kommt von Ron Zeug, Inhaber der Sequential Art - KTV-Kiezbuchhandlung:

Meine Empfehlung ist der gerade im Berliner Jaja Verlag erschienene Comic „A Child's Journey“. Das Buch beinhaltet ein Best Off ihres Webcomics, in dem Zeichnerin Bea Davies zwischen 2012 und 2020 die Entwicklung ihres Sohnes seit seiner Geburt begleitet. Sie nimmt dabei nicht nur die Sicht als Mutter ein, sondern spielt in den kurzen Anekdoten auch mit Perspektivwechseln, wie ihr Sohn Erlebtes wahrnehmen könnte bzw. siedelt fiktive Abenteuer in seiner kindlichen Gedankenwelt an. Das ist mitunter surreal, meist vergnüglich zu lesen, manchmal sehr nachdenklich in Bezug auf die reale Welt. Davies spielt auch mit popkulturellen Zitaten. Ihre Beobachtungsgabe und ihr Vermögen, dies mit wenigen Strichen in ausdrucksstarke Zeichnungen umzusetzen, erinnerten mich teilweise sogar an Will Eisners Mietshaus-Beobachtungen, das
Konzept für „A Child's Journey“ an James Kochalkas Mammut-Webcomic „American Elf“. Das Buch eignet sich nicht nur für Eltern, die eigene Erfahrungen mit ihren Schützlingen wieder entdecken wollen, sondern auch für alle Anderen und bietet sich als (englischsprachiges) wertiges Hardcover gut zum Verschenken an.


Bea Davies: A Child's Journey, Berlin, Jaja Verlag, 2020, 112 Seiten, Hardcover mit bronzener Heißfolienprägung, 20,00 €

Katrin Möller-Funck empfiehlt: Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Der nächste Literaturtipp kommt von Katrin Möller-Funck, Leiterin des Kempowski Archivs Rostock:

Abenteuerroman!

Kloebles neuer Roman führt uns ins Indien des 19.Jahrhunderts. Eine fiktive Handlung wird mit realen, historischen Ereignissen verwoben, geschrieben in einer klaren Sprache.Bartholomäus ist ein "mindestens zwölfjähriger Junge", aufgewachsen in einem Waisenhaus in Bombay, der sechs Sprachen spricht und das "Museum der Welt" gründen möchte...

Kurzweilig und spannend!

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt. München: dtv Verlag, 2020, 528 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 24,00

Stephan Lesker empfiehlt: Ernst Augustin. Das Gesamtwerk

Der nächste Literaturtipp kommt von Stephan Lesker, Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. Lutz Hagestedt am hiesigen Lehrstuhl für neuere und neueste Literatur:

Der Schriftsteller Ernst Augustin starb am 3. November 2019. Hinterlassen hat er uns eine –gerade in diesen Zeiten – unschätzbare Botschaft: Die Macht der Phantasie kennt keine Grenzen. Was tun, wenn die Realität unerträglich geworden scheint? Denken wir uns doch eine schönere, denn das (Aus-)Denken einer besseren Welt ist nicht nur ein nettes Gedankenspiel, es ist auch der erste Schritt zu ihrer Realisierung oder zur kritischen Überprüfung des eigenen Verhaltens. Augustins Welten stellen die Wirklichkeit auf die Probe, und häufig besteht sie den Vergleich mit der Phantasie nicht. Das Ausgedachte, ist bei ihm immer schöner, anziehender, farbenfroher oder doch wenigstens spannender als die Wahrheit. Wenn Sie Augustin lesen, brauchen Sie eigentlich nur einen Merksatz: Alles, was sich denken lässt, könnte sich auch ereignen. Am eindrucksvollsten hat Augustin dies in seinem Roman „Der amerikanische Traum“ vorgeführt; und da man irgendwo anfangen muss, beginnen Sie am besten gleich damit und erkunden von dort aus Augustins Phantasiewelten:

Der Kopf/ Raumlicht: Der Fall Evelyn B./ EastendDer amerikanische Traum/ Mahmud der Bastard/ Schönes Abendland/ Gutes Geld/ Die Schule der Nackten/ Der Künzler am Werk/ Badehaus II/ Robinsons blaues Haus/ Das Monster von Neuhausen/ Goldene Zeiten (Hörbuch – Autorenlesung)

Andrea Krause empfiehlt (für Kinder): Emmi und Einschwein - Einhorn kann jeder von Anna Böhm

Der nächste Literaturtipp kommt von Andrea Krause, Bibliothekarin in der Stadtbibliothek Rostock:

Emmi wünscht sich zu ihrem 10. Geburtstag ein Einhorn. In Wichtelhausen, wo Emmi lebt, darf sich jedes Kind zu seinem 10. Geburtstag ein Fabelwesen wünschen. Aus dem Zaubernebel taucht aber ein unförmiges Schweinchen mit einem Horn zwischen den Schweinsohren auf. Emmi ist entsetzt und frustriert. In dieser fantastisch turbulenten Geschichte lernt Emmi nach und nach die Qualitäten ihres Einschweins schätzen und möchte es nicht mehr missen.

Anna Böhm (Text) / Susanne Göhlich (Illustr.): Emmi und Einschwein - Einhorn kann jeder. Oetinger Verlag, 2018, 208 S., 13,00 €.

Ralph Reichel empfiehlt: «Qualityland« von Marc-Uwe Kling

Der nächste Literaturtipp kommt von Ralph Reichel, Intendant und Geschäftsführer am Volkstheater Rostock:

Die ersten Texte von Marc-Uwe Kling habe ich im Auto auf CD gehört. So auch den Anfang von QualityLand. Eine zwischendurch eingelegte Kinderlieder-CD meines Sohnes hängt jetzt im CD-Player fest und blockiert ihn dauerhaft. Ich musste also ganz traditionell lesen, um die Geschichte weiter verfolgen zu können. Es war ein Gewinn. Mir macht die Sprache, machen die skurrilen Wendungen, der hellsichtige Wahnsinn des Autors noch mehr Spass, wenn ich lese. Leider möchte man sagen, passt das Buch sehr in unsere Tage. Aber es hat Humor. Eine Geisteshaltung, die mir gegenwärtig zu oft abwesend ist. Humor hilft lachend Abstand zu halten und Dinge so besser oder neu zu verstehen.

Marc-Uwe Kling: Qualityland. Berlin: UllsteinVerlag, 2019, 384 Seiten, Taschernbuch, 11,00

Wiebke Juhl- Nielsen empfiehlt: «Alles richtig gemacht« von Gregor Sander

Der nächste Tipp kommt von Wiebke Juhl- Nielsen, Studienleiterin für Kultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche:

„Alles richtig gemacht“ betitelt der Schriftsteller Gregor Sander seinen neuen Roman.
Er setzt am Ende des Satzes kein Ausrufe- oder Fragezeichen. Es ist eine einfache Aussage, die eine abgeschlossenen Geschichte suggeriert, in der es keine Besonderheiten zu erzählen gibt. Alles richtig gemacht, das Ende ist also gut; somit kann ein Punkt hinter dem letzten Satz gesetzt und das Buch zugeschlagen werden.
Aber Gregor Sander hat mitnichten einen vorhersehbaren Roman geschrieben. Mit einer für ihn typischen Leichtigkeit verbunden mit trockenen Humor und gehaltvoller Tiefe, beschreibt Gregor Sander das Leben zweier ungleicher Freunde, die in der DDR - in Rostock - aufgewachsen sind, nach der Wiedervereinigung gemeinsam die ersten turbulenten Jahre in Berlin erleben, dann aber verschiedene Wege einschlagen und sich aus den Augen verlieren.
Thomas, der studierte Jurist, arbeitet als Strafverteidiger in einer Kanzlei, ist verheiratet, hat zwei Töchter und führt ein gut situiertes Leben. Eigentlich könnte er mit seinem Leben zufrieden sein. „Doch dann verschwindet seine Frau und nimmt die beiden Töchter gleich mit – und Thomas weiß nicht so recht, warum. Dafür ist der seit Jahren verschwundene Daniel plötzlich wieder da, sein bester Freund aus Rostocker Kindertagen.“ Der unangepasste Draufgänger von damals musste wegen krummer Geschäfte für lange Zeit untertauchen und verschwand aus Thomas Leben.
Nun ist er wieder da und Thomas fragt sich, ob Daniel etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat. Was hat er falsch gemacht und was hat eigentlich wer richtig gemacht?

Gregor Sander skizziert mit schneller aber präziser Feder die Lebenssituationen und -gefühle einer ganzen Generation. Er verbindet private Entwicklungen mit politischen Ereignissen aus den letzten Jahrzehnten Deutschlands. Gesellschaftspolitisch relevante Ereignisse, wie z. B. die rassistisch motivierten Angriffe in Rostock-Lichtenhagen 1992, haben Auswirkungen auf die Protagonisten und beeinflussen ihr Handeln.
Durch die Zeitsprünge und erzählerischen Wendungen konstruiert Gregor Sander einen Roman, der spannungs- und gehaltvoll ist und sich wunderbar leicht lesen lässt.

Es freut mich sehr, dass wir die Lesung und das Gespräch mit Gregor Sander, das am 18. März aufgrund der Corona Pandemie ausfallen musste am 04. November 2020 bei uns im Hause, Am Ziegenmarkt 4, nachholen werden können.
Weitere Informationen und Empfehlungen zu und über Gregor Sander und seine Literatur finden Sie auf seiner Homepage: www.gregorsander.com

Gregor Sander: Alles richtig gemacht. München: Penguin Verlag, 2019, 240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 20,00



Harry Körber empfiehlt: «Metropol« von Eugen Ruge

Der nächste Literaturtipp kommt von Harry Körber, Leiter der Geschäftsführung bei Altstadtdruck in Rostock:

Eigentlich wollte ich nach «In Zeiten des abnehmenden Lichtes« nicht noch ein Ruge hören (Ich bin durch mein Pendlerdasein vom Leser zum Hörbuchhörer geworden), zu sehr habe ich mich in dem Buch falsch gefühlt. Das das aber wohl eher mein Problem als das des Buches war, zeigt « Metropol«. Noch nie habe ich so einbezogen die Zeit erlebt, als Stalin die Säuberungswelle unter den emigrierten Kommunisten durchgezogen hat. Diese Mischung aus Verzweiflung, Glauben wollen und sich im Glauben missbrauchen lassen und gleichzeitig diese Begeisterung über den sich wirklich aus dem Feudalismus herauskatapultierenden Staat Sowjetunion. Das Buch zieht einen in beides hinein und deprimiert dabei durch diesen Sog, dieses Miterleben des Verlustes des gesunden Menschenverstandes zugunsten einer „großen Idee“. Und das dadurch entstehende ungeheuerliche Verbrechen an dem Einzelnen. In dieser Hinsicht hat Ruge die Kafkaeske Tradition der Hoffnungslosigkeit des Daseins in eine leider erlebte Realität gesetzt, hat damit auch die Verführbarkeit jedes Einzelnen sichtbar gemacht. Da ich das genau in der Zeit gehört habe, als Corona stillschweigend auch hier und jetzt alle Freiheitsrechte zugunsten des Schutzes der Nation entsorgte, war die Niedergeschlagenheit in zweifacher Hinsicht präsent. Dennoch muss ich das Buch loben, denn wenn einem die gut geschilderte Realität erschreckt, dann ist dieser Schrecken ein wichtiges Erlebnis des Begreifens von Vergangenheit und Gegenwart. Es ist damit näher dran am Heute, als Camus: «Die Pest« – auch wenn dieses dem Namen nach besser passt.

Eugen Ruge: Metropol. Hamburg: Rowohlt Verlag, 2019, 432 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 24

Jule empfiehlt (für Erwachsene): «Der Report der Magd« von Magaret Atwood

Der nächste Tipp kommt von Jule, Projektleiterin für Leseförderung / Kinder- und Jugendliteratur im Literaturhaus Rostock:

„Ein Stuhl, ein Tisch, eine Lampe“ ist der Beginn einer Geschichte, die jeder Liebhaber dystopischer Romane wahrgenommen haben muss. Die drei Begriffe entstammen der Feder Margaret Atwoods (Jahrgang 1936), welche 1985 mit ihrem Roman «Der Report der Magd« die düstere Welt Gileads beschrieb: Einem patriarchischen Gebiet voller Despoten, welche die letzten gebärfähigen Frauen symbolträchtig (vermeintlich biblisch gerechtfertigt) systematisch vergewaltigen. Durch den Bericht von Desfred gelingt es der Autorin Niederdrückung, Terror und das Aushebeln von Menschenrechten so eindrücklich zu erzählen, dass das Buch sehr lange nachhallt. «Die Zeuginnen«, eine Fortsetzung, 2017 erschienen und damit über 30 Jahre nach Erscheinen des ersten Buches“, beschreibt die Geschehnisse Gileads aus Sicht weiterer Personen.Seit 2015 wird die Geschichte als preisgekrönte Serie adaptiert mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle. 

 Margaret Atwood: Der Report der Magd. München: Piper Verlag, 2017, 413 Seiten, 12 €.

Jule empfiehlt (für Kinder): Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens

Der nächste Tipp kommt von Jule, Projektleiterin für Leseförderung / Kinder- und Jugendliteratur im Literaturhaus Rostock:

Hans Christian Andersen (1805–1875) erweiterte das Repertoire an Märchen, die seinerzeit nur von den Gebrüder Grimm bekannt waren (Kinder- und Hausmärchen), mit neuen Geschichten. Jeder kennt aus seinen Kindertagen die Kunstmärchen „Däumelinchen“, „Das hässliche Endlein“ oder „Die Schneekönigin“ – um hier nur drei von Dutzenden zu nennen, die aus der Feder Andersens stammen. Das neue Kinderbuch „Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens“ von Heinz Janisch (Text) und Maja Kastelic (Illustr.) erzählt auf detaillierte und einfühlsame Weise, wie der Junge Hans den ärmlichen Verhältnissen seiner Familie entfloh und sein Glück suchte. Er fand es schlussendlich beim Schreiben und war zu Lebzeiten neben Charles Dickens und den Grimm-Brüdern ein vielgelesener Autor.

Das neue Kinderbuch, das sich vor allem mit der Ideensuche Andersens beschäftigt, versteckt in seinen Illustrationen eine weitere Vielzahl an Kinderbuchhelden, die es beim Vor- oder Selbstlesen zu entdecken gilt.

Empfohlen für Kinder ab 5 Jahren.

Heinz Janisch (Text) / Maja Kastelic (Illustr.): Hans Christian Andersen. Die Reise seines Lebens. Zürich: NordSüd Verlag, 2020, 56 S., 16,00 €.

Mehr Lektüretipps für Kinder und Jugendliche findet ihr hier!

Virginie empfiehlt: «Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan

Der erste Tipp kommt von Virginie, Bundesfreiwilligendienstleistende im Literaturhaus Rostock:

Pierre Jarawan ist Autor, Poetry Slammer, Veranstalter und Moderator aus München. Er wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Jordanien geboren. Als er drei Jahre alt war, kam er aufgrund des libanesischen Bürgerkriegs nach Deutschland. Der Roman »Ein Lied für die Vermissten« (Berlin Verlag) ist sein zweiter Roman und erschien am 02.März 2020.
Im Mittelpunkt des Romans steht Amin, ein junger Mann, der aufgrund des Bürgerkriegs im Libanon nach Verlust seiner Eltern mit seiner Großmutter im Kleinkindalter nach Deutschland kam. Als er 12 Jahre alt ist, beschließt seine Großmutter, dass es Zeit für sie ist, nach Beirut zurückzukehren. Mit wortgewaltiger und poetischer Sprache zieht der Autor die Leser*innen in eine Welt hinein, die von einem Mann, einer Familie, einer Stadt und einer verlorenen Generation handelt. Immer wiederwerden die Leser*innen aus der Zeit gerissen, weiter zurück in der Vergangenheit geschickt, so erfährt der Rezipient nach und nach die Geheimnisse der Familie. Eine Familie, deren Vergangenheit zunächst in Schweigen gehüllt wird. Die Großmutter gibt kaum etwas über die Vergangenheit preis, stattdessen versucht sie ihrer Ohnmacht in der Malerei Ausdruck zu verleihen, insbesondere das Porträt ihrer Tochter unter dem Apfelbaum ihres Gartens mit dem Titel »Ein Lied für die Vermissten« steht im Fokus. Die Geschichte der Familie ist eng mit der Historie des Landes verbunden und Jarawan vereint scheinbar mühelos persönliches Erleben der Charaktere des Romans mit politisch Brisantem. Es ist eine Coming-of-Age Geschichte, eine Familiengeschichte, aber auch die Geschichte einer ganzen Generation Nachgeborener, die nach Antworten sucht.

Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten. Berlin: Berlin Verlag, 2020, 464 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, € 22,00