19.06.2019 | 20:00

Rückblick Einmischen! Das neue Debattenformat des Literaturhauses Rostock und der Körber-Stiftung

Provokation und Pop: Wo endet die Freiheit der Kunst?                                         Moderation: Kai-Michael Hartig


© Barbara Dietl

Am 19. Juni präsentierte das Literaturhaus Rostock die erste Ausgabe einer neuen Reihe. Einmischen! heißt das Debattenformat in Kooperation mit der Hamburger Körber-Stiftung. Die ersten Akteure der Reihe waren Jens Balzer, Popjournalist und Autor, und Klaus Farin, Aktivist und Autor. Als Moderator durften wir Kai-Michael Hartig begrüßen, Leiter des Bereichs Kultur bei der Körber-Stiftung. 
Debattiert wurde zum Thema Provokation und Pop: Wo endet die Freiheit der Kunst. Grundlage dafür war unter anderem Balzers Buch »Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik«, das im Mai in der Edition Körber erschienen ist.
Balzers Ausgangspunkt für das Buch waren zum einen seine bereits publizierten ZEIT-Artikel und zum anderen die Echo-Kontroverse von 2018. Damals wurde ein Preis an die deutschen Hip-Hop-Künstler Kollegah und Farid Bang verliehen, die in ihren Texten maskuline Gewaltfantasien und antisemitische Denkweisen verherrlichen. Balzer, der bei der Echo-Verleihung im Publikum saß, hatte sich gefragt, wie lange solche Texte schon verbreitet wurden und warum innerhalb der Popindustrie und des Feuilletons niemand genau genug hingehört hatte.
Farin wurde danach gefragt, ob diese Musik in seinen Augen tatsächlich Teil der derzeitigen Jugendkultur ist und wie sie die Hörer*innen beeinflusst.  Farin stellte erst einmal klar, dass Jugendkultur ein irreführender Begriff sei, da auch Erwachsene Teil von Subkulturen sein können, die sie in ihrer Jugend entdeckt haben. Zum andere sei er der Meinung, dass Rap und Hip-Hop keine Subkulturen mehr seien, sondern längst als Teil des Mainstreams zu verstehen seien. Die überwiegend männlichen Musiker des „Gangsterraps“ versuchen sich alle an Krassheit zu übertreffen, um innerhalb der Musikindustrie wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch dadurch entsteht die Diskrepanz zwischen dem „authentischen Rap“ und dem Branding der Künstler*innen, mit dem sich die Künstler*innen aus der Verantwortung ziehen können. Doch natürlich gibt es für jede Bewegung eine Gegenbewegung. . In den Top 40 der Hitparade lassen sich erfolgreiche, größtenteils weibliche Hip-Hop Künstlerinnen finden, die emanzipatorische und clevere Texte schreiben. Pop ist ein Spiegel der Gesellschaft und so wird es immer mehr als eine Seite vertreten.
Auf die Frage, welche Ursachen solche krassen, sexistischen und rassistischen Texte haben, konnte Farin keine einfache Antwort geben. Es sei ein Zusammenspiel von Umfeld und Erziehung und teils unbekannten Faktoren. Interessant fand er jedoch, dass diese „Migrantische Musik“ (also Musik von Künstler*innen mit Migrationshintergrund) vor allem in deutschen monokulturellen Dörfern gehört werden. Sein Erklärungsansatz dafür: die privilegierte Mittelschicht erfüllt sich mit der Musik eine unterdrückte Fantasie vom Glamour des Kriminellen.
Und doch konnte Farin in Gesprächen und bei Interviews mit jugendlichen Hörer*innen feststellen, dass sie differenzierter über die Texte nachdenken, als erwartet. Sie wissen zum großen Teil, dass das sexistische und rassistische Verhalten der Rapper im Alltag nicht vertretbar wäre.
Nach einer weiteren Diskussion über verschiedene kontemporäre deutsche Künstler*innen kam eine Zwischenfrage aus dem Publikum: Was wäre denn ein musikalisch gutes Beispiel für erfolgreiche, rechtspopulärer Musiker*innen? Die Antwort war einstimmig. Es gibt keine. Das hat laut Balzer und Farin mehrere Gründe. Musiker*innen, die in ihren Texten Motive des Rechtspopulismus behandeln, distanzieren sich öffentlich von der Bewegung, da es im Großen und Ganzen geschäftsschädigend wäre. Denn die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sieht sich selber nicht als rechts-extrem oder rassistisch. Hörer*innen würden sich nicht öffentlich zu rechtspopulären Musiker*innen anerkennen  und die Musik kaufen. Des Weiteren sind der rechten Musik zu viele Grenzen gesetzt. Die Künstler müssten weiße, heterosexuelle  Männer sein, deren Musik keine afro-amerikanischen Einflüsse oder Wurzeln hat. Und dies ist innerhalb des Pop fast unmöglich.
Nach weiteren interessanten und anregenden Publikumsfragen, stelle Hartig und eine letzte abschließende Frage: Wer trägt nun die Verantwortung für die Musik und wie soll man gegen den Hass im Mainstream vorgehen? Balzer und Farin waren beide der Meinung, dass es eine gesellschaftliche Verantwortung auf mehreren Ebenen gibt. Als Expert*innen müssen sich  Musikjournalist*innen mit jeder Art von Musik kritisch und informiert auseinandersetzen. Und jede*r muss für sich selbst darüber nachdenken und im eigenen Umfeld Diskussionen anregen. Als Fazit sagen beide Autoren, dass das wichtigste sei, über Musik und ihre Message redet.

 

Wir bedanken uns bei allen Akteuren für einen informativen und anregenden Abend.

 

Eine Kooperationsveranstaltung des Literaturhauses Rostock mit der Körber-Stiftung.

 

Natalie Dielmann
(Praktikantin Literaturhaus Rostock)