04.06.2019 | 20:00

Rückblick Unter Freund*innen: Svenja Gräfen und Christian Dittloff

Wie wollen wir in Zukunft leben? Moderation: Emily Grunert


© Constantin Timm

© Christina Werner

Am 4. Juni ging die Reihe „Unter Freund*innen“ in die zweite Runde. Diesmal zu Gast: Svenja Gräfen mit ihrem zweiten Roman »Freiraum« und Christian Dittloff mit seinem Debütroman »Das Weiße Schloss«. Moderiert wurde der Abend von Emily Grunert, Programmleitung des Literaturhauses und gemeinsame Freundin der beiden Autor*innen.
Das Thema des Abends war „Wie wollen wir in der Zukunft leben?“, eine Frage, mit der sich beide Bücher auf unterschiedliche Weise beschäftigen. Auch der Ausgangspunkt der Autor*innen war unterschiedlich. Gräfen erzählte, dass ihr Schreibprozess mit ihren zwei Protagonistinnen angefangen habe. Zu Anfang noch in einem ganz anderen Setting. Erst während des Schreibens entwickelte sich die Handlung. Gräfen sagte auch, dass sie keine besondere Recherche vorgenommen habe.
Auch Dittloff gab zu, dass er keine Feldforschung betrieben habe. Anders als Gräfen, hat er jedoch mit dem Konzept des „Weißen Schlosses“ angefangen, die Figuren ergaben sich erst später. Anstoß für das Konzept waren seine eigenen Erfahrungen. Er hatte festgestellt, dass sobald er älter als dreißig war, permanent nach Kindern und seinen eigenen Kinderwünschen gefragt wurde. Daher beschäftigte ihn das Konzept möglicher Alternativen zur traditionellen Familie.
Nach dem kurzen Einstiegsgespräch las Gräfen aus ihrem Roman. Schon die kurzen Passagen gaben einen Einblick in die Persönlichkeiten der Figuren. Die Dialoge wirkten sehr realistisch und gaben dem Publikum immer wieder Grund zum Schmunzeln. Der Roman wird auf zwei Ebenen erzählt. Gräfen hatte versucht, den Roman chronologisch aufzubauen, was für sie aber nicht funktionierte.
Auf die Frage, was für sie persönlich und für ihre Figuren der Begriff Freiraum eigentlich bedeutet, wusste Gräfen keine richtige Antwort. Sie versteht den Begriff als sehr individuell und komplex. Nur weil man auf einer Ebene Freiraum hat, bedeutet das nicht, dass man auf allen Ebenen Freiraum hat. Dies spiegelt sich auch in ihren Protagonistinnen wieder.
Da Gräfen eine bekannte Feministin und Netzaktivistin ist, stellt sich die Frage, inwieweit sie ihre politische Sicht in ihr Schreiben einfließen lässt. Gräfen sagte, dass sie keine Agenda während des Schreibens verfolgte, dass aber ihre Einstellungen und Ansichten ihr Denken und Schreiben natürlich beeinflussen.
Danach las Dittloff aus seinem Roman. Dieser wird ebenfalls auf zwei Ebenen erzählt. In die Hauptgeschichte eingeschoben, sind verschiedene historische Abrisse, die von der Evolution der Mutterschaft und der Reproduktionsmedizin berichten.  Er wollte zeigen, dass Elternschaft wandelbar ist und sich in den letzten Jahrhunderten gesellschaftlich verändert hat. Es ist nicht nur Natur im Spiel, sondern auch Kultur. Dittloff nennt sein Roman ein Gedankenexperiment mit dystopischen Momenten. Doch sein Konzept ist nicht komplett erfunden. Er sagte, er hätte von der Realität abgeschrieben, denn alles worüber er erzählt, gibt es in der einen oder anderen Form schon.
Am Ende der Gespräche kam nun die Frage auf, wie wir denn nun leben wollen und sollen. Weder Gräfen noch Dittloff beantworten diese Frage eindeutig in ihren Romanen. Beide denken, dass es darauf keine eindeutige und zufriedenstellende Antwort geben kann und jeder das für sich selber entscheiden muss.
Eine Frage aus dem Publikum regte das Gespräch an, ob man Freund*innen bereits unfertige Romanprojekte zeigt. Gräfen lässt ihre Freund*innen gerne ihre neuen Projekte lesen, da sie andere Schwerpunkte legen und dem Ganzen eine neue Perspektive geben.
Dittloff hingegen hat aus dem Fehler seines ersten unveröffentlichten Buches gelernt. Er hatte ein Stimmgewirr aus den Meinungen seiner Freund*innen, wodurch er seine eigene Schreibstimme nicht finden konnte. Für »Das Weiße Schloss« hat er kaum nach außenstehenden Meinungen gefragt.
Dadurch, dass alle drei Personen auf der Bühne befreundet waren, war es eine sehr entspannte und heitere Lesung, bei der sich alle wohlfühlten.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Akteuren für diesen anregenden Abend.

 

Eine Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung.

 

Natalie Dielmann
(Praktikantin im Literaturhaus Rostock)