14.05.2019 | 20:00

Rückblick "Unter Freund*innen": Saša Stanišić »Herkunft« & Katharina Adler »Ida«

Moderation: Emily Grunert


Am 14. Mai präsentierte das Literaturhaus Rostock sein neues Format „Unter Freund*innen“. Hierzu werden wir zwei befreundete Autor*innen einladen, die sich über ihre Arbeitsprozesse, Erfolge und Rückschläge austauschen können. Den Anfang machten am Dienstag Saša Stanišić und Katharina Adler. Den Abend moderierte Emily Grunert (Programmleitung Literaturhaus Rostock).
Beide Schriftsteller*innen beschäftigten sich in ihren zuletzt veröffentlichten Büchern »Herkunft« und »Ida« mit ihrer Familie und Herkunft. Und so war auch gleich die erste Frage, wie sie damit umgegangen sind über ihre eigene Familie zu schreiben.
Adler gestand, dass sie relativ naiv an die Recherche gegangen war, da sie persönlich nicht viel über ihre Urgroßmutter wusste und sie persönlich nicht kannte. Sie wusste nur, dass es viel zu erzählen gab aus dem Leben, nicht nur die kurze Behandlung bei Freud. Adler stellte fest, dass ihre Quellen alle öffentlich zugänglich wären, so hätte also auch jemand, der nicht mit ihrer Urgroßmutter verwandt war, diesen Roman schreiben können.
Stanišić hatte eine andere Herangehensweise, da er die Personen, auf denen die Figuren basieren, kennt. Ausgangspunkt des Schreibprozesses war seine an Demenz erkrankte Großmutter. Er wollte für sie und für sich selber ihre Geschichten finden und festhalten. Durch das Reden mit Freunden, das Stöbern in Archiven und das Lesen von Briefen, konnte Stanišić eine Vielzahl von Ereignissen rekonstruieren und reflektiert betrachten. Seine Familie war über sein Vorhaben informiert und half ihm sogar dabei.
Auf die Frage, ob man befangener schreibe, wenn die eigene Familie involviert sei, antwortete Stanišić, dass es erst schwierig werde, wenn die beschriebenen Personen noch am Leben seien. Adler hatte ihrer Familie ein Jahr lang nicht erzählt, woran sie arbeitete, sie war auf eine negative Reaktion eingestimmt, die glücklicherweise ausblieb. Stanišić fügte hinzu, dass man die Fiktionalisierung von Personen und Ereignissen immer vor sich und seiner Familie rechtfertigen muss, was nicht nur zu einer Selbstreflektion sondern auch zu interessanten Familiengesprächen führen kann. Adler war aufgeregt ihrem Vater die Passagen über seine Eltern zu zeigen, doch er hatte nur ein Kommentar: keine Krawatte, sein Vater hatte nur Fliege getragen!

Im Sinne der Reihe „Unter Freund*innen“ waren die beiden Autor*innen jeweils in der Danksagung des anderen zu finden.
Sie erzählten uns, dass sie sich in Leipzig während ihres Studiums kennengelernt hatten und anfingen sich ihre Texte gegenseitig vorzulesen und zu kritisieren. Diesen Werkstatt-Gesprächen kam ihre Freundschaft nie in die Quere. Und noch heute ist dies ein Weg sich gegenseitig zu motivieren und in die richtige Richtung zu lenken, sodass lesbare Ergebnisse entstehen.
Stanišić und Adler sind sich beide einig, dass ihre Bücher ähnliche Motive und Bilder, wie Migration, Ankunft und Fremdheit, aufgreifen, jedoch ist ihnen das erst im Nachhinein aufgefallen, denn der Schreibprozess war bei beiden sehr unterschiedlich. Um dies zu unterstreichen, lasen beide Passagen  zu den Themen Flucht und Ankunft.
Katharina Adler machte den Anfang. Sie las mehrere Passagen aus ihrem Buch vor. Ihr ausdrucksvolles Lesen verzauberte das Publikum und brachte es an mehreren Stellen zum Lachen. Es fühlte sich fast wie einer Theatervorführung an, da Adler verschiedene Gesichtsausdrücke und Stimmenlagen für Figuren benutzte. Man bekam einen hervorragenden Eindruck von dem Roman und der Hauptfigur Ida.
Der Roman umfasst eine sehr lange Zeitspanne vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der 1940er Jahre. Adler hatte sich bewusst hierfür entschieden, da die Zeitspanne von drei Monaten, in der Ida Adler bei Freud in Behandlung war, sehr detailliert dokumentiert ist, der Rest ihres spannenden Lebens jedoch nicht. Auch ihr Schreibprozess war, wie das Buch, nicht chronologisch. Adler hatte Schwierigkeiten sich der Person Ida Adler zu nähern und hat daher mit einer Zeit angefangen, in der Ida mit Personen verkehrte, denen Katharina Adler selbst noch begegnet war.
Nach ein paar weiteren kurzen Fragen an Adler, las Stanišić mehrere Passagen aus seinem Buch.
Das Publikum hörte ihm gespannt zu, als er mit ausschweifender Gestik und begeisterte Stimme las und erzählte. Mit vollem Körpereinsatz trug er seine sensationell witzigen und fast schon naiven Auszüge vor und brachte das Publikum mehr als einmal lauthals zum Lachen. Am Ende hingen alle gespannt an seinen Lippen. Da nicht mehr viel Zeit blieb, beantwortete Stanišić noch die Frage, was genau sein Buch denn nun sei? Roman, Autobiographie, Essayband oder Ähnliches? Er selber wusste auch keine Antwort darauf, da vertraut er seinen Leser*innen. Sie werden schon wissen, was Fakt und was Fiktion ist. Obwohl er sich mit einem Thema beschäftigt hatte, das politisiert, wollte es keine politische Aussage treffen oder eine Moral vermitteln. Dank seiner Jugend-Tagebücher und Vokabelhefte, konnte er ein sehr detailliertes Bild seiner Jugend schaffen, mit all den guten und schlechten Erinnerungen an die Ankunft in Deutschland.

Die wichtige Frage zum Abschluss war, was für die Autor*innen als nächstes ansteht. Stanišić wurde angefragt, den Text zu einem Fantasy-Spiel zu schreiben, worauf er sich schon sehr freut. Adler beendet bald ihre Lesereise und macht sich wieder an die Arbeit, um ein weiteres hervorragendes Buch zu schreiben.

Stanišić und Adler wurden mit einem langen und tosenden Applaus verabschiedet. 

Wir bedankung uns sehr für diesen unvergesslichen Abend und den hervorragenden Start einer neuen Reihe.

 

Natalie Dielmann
(Praktikantin Literaturhaus Rostock)