27.04.2019 | 19:30

Rückblick Jenny Erpenbeck und Gregor Sander im Gespräch mit Simone Neteler und Marcel Lepper

Moderation: Katrin Möller - Funck


Im Rahmen des Internationalen Walter-Kempowski-Symposiums in Rostock durften wir am 27.04 die Autor*innen Jenny Erpenbeck und Gregor Sander sowie Marcel Lepper (Leiter des Literaturarchivs an der Akademie der Künste in Berlin) und Simone Neteler (Lehrbeauftragte der Universität Hildesheim) begrüßen. Das Gespräch verlief unter dem Titel "Die Rolle des Archivs für Autorschaft und Autorentechnik". Moderiert wurde der Abend von Katrin Möller-Funck (Kempowski-Archiv-Rostock). Die Kempowski-Tage fanden am Wochenende von 26.04-28.04 zu Ehren des 90. Geburtstages des Schriftstellers statt.

In Anlehnung an eines der berühmtesten Zitate Kempowskis „Ich möchte Archiv werden“, eröffnete  Möller- Funck das Gespräch mit der Frage danach, was Erpenbeck und Sander für gewöhnlich archivieren. Erpenbeck offenbarte, das inoffizielle Archiv ihrer Familie bei sich zu Hause zu haben. Hinterlassenschaften der Familie, von Tagebüchern und Manuskripten bis zu einem Dokument ihrer Großmutter. Die hat alle Stationen auf ihrem Weg ins sowjetische Lager festgehalten. Als weiteres Beispiel brachte sie den Nachlass ihres Großvaters an. Er war der Redakteur der Zeitschrift „Das Wort“ in Moskau und führte einen regen Briefwechsel mit Bertolt Brecht, den Erpenbeck heute verwahrt Darüber hinaus archiviert Erpenbeck mithilfe von Tonbandaufnahmen auch selbst. Zu dem Zeitpunkt der Aufnahmen war ihr die Bedeutung vieler aufgezeichneter Gespräche noch nicht klar. Heute ist sie froh, sie nicht nur gemacht,, sondern auch digitalisiert und transkribiert zu haben. Ihr Archiv ist „ein Fass ohne Boden“ und Erpenbeck gab zu, dass all diese Schätze sehr ungeordnet vorliegen. Sie selbst ist  die einzige die  tatsächlich einen Überblick hat.
Sander hingegen beichtete, sich leicht von Dingen trennen zu können und gerne auszumisten. Sobald er an einem neuen Projekt arbeitet, taucht er ganz ein und braucht nichts anderes. Er sammelt Fotos für eine Fotowand, Musik, Bücher (auch aus Bibliotheken) und Gesprächspartner, die sein Projekt ausmachen. Nach Abschluss eines Projektes ist davon nicht mehr viel übrig. Auch Tagebuch führt er nicht, was, wie er scherzhaft sagte, ja eigentlich zur Berufsbeschreibung eines Schriftstellers gehöre
Möller-Funcks nächste Frage richtete sich an Neteler. Sie wollte wissen, wie die Struktur und Betreuung eines Archives aussieht. Neteler, die noch persönlich mit Kempowski an dessen Archiv arbeitete, sagte, dass das Kempowski Archiv nicht „nur“ ein Schriftsteller-Archiv sei. Seit 1980 werden Tagebücher, Briefe, Fotographien und ähnliches an das Archiv geschickt. Dieses sogenannte Fremdmaterial hat Kempowski sehr interessiert und fasziniert. 2005 ist das Archiv in die Akademie der Künste in Berlin eigezogen, da die schiere Menge der über 500 laufenden Metern an Dokumenten und über 100 000 Fotographien mehr Platz und eine professionelle Instandhaltung? benötigte. Marcel Lepper fügte an, dass das Kempowski Archiv sehr durchdacht sei, da es von Anfang an als Archiv geplant war. Trotz der wunderbaren Organisation der Materialien, gibt es noch ein Paar tückische Stellen, die Lepper am faszinierendsten findet. Die Materialien, von denen man nicht weiß, woher und von wem sie kommen und wie sie ins Archiv gelangt sind, sind nicht immer entwickelbar, aber da liegt, laut Lepper, der Spaß. Das Kempowski Archiv erzählt dank des Fremdmaterials die Kultur- und Alltagsgeschichte mehrerer Jahrzehnte nach.
Erpenbecks und Sanders unterschiedliche Form des Archivierens entfachte eine interessante Diskussion zum Thema Erinnerungen. Denn eigene Erinnerungen sind immer fehlerhaft und beschönigen das Geschehene meist, und auch Tagebucheinträge erzählen meist nicht die ganze Wahrheit. Erpenbeck sagte, dass sie, aus Angst etwas zu vergessen archiviert. Sander ist der Meinung, dass man bei fehlender Erinnerung, Recherche als Stütze benutzten kann. Neteler brachte an, dass Kempowski sich auf verschiedene Weisen erinnert hat. Er nahm Gespräche mit Familie und Freunden auf, und baute darauf seine Romane auf. Im Echolot sammelte er Erinnerungen von anderen Menschen aus dem 2. Weltkrieg. Er gab ihnen genug Raum, um Erinnerungen zu sammeln und zu verarbeiten. Das Archiv wird zu einem riesigen Erinnerungskosmos. Lepper meinte, dass dem Archivieren immer ein Bruch vorausgeht, ob biographisch, durch den Tod einer Person, oder historisch, durch z.B. den Zerfall eines Staates. Ein Archiv ist nicht stabil und kann auch etwas entzünden.
Auf dieses spannende Gespräch folgte eine Lesung aus Erpenbecks Essayband »Kein Roman. Texte 1992 bis 2018« und aus Sanders im August erscheinendem Roman »Alles richtig gemacht«. Beide Texte beschäftigen sich auf verschiedene Art und Weise mit Erinnerungen und dem Prozess des Erinnerns.

Wir bedanken uns bei allen Beteiligten für diesen tollen Abend.

 

Eine gemeinsame Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Walter-Kempowski-Symposiums der Universität Rostock in Zusammenarbeit mit dem Kempowski Archiv Rostock. Ein bürgerliches Haus e.V.

Natalie Dielmann (Praktikantin im Literaturhaus Rostock)