Buchtipps für junge LeserInnen ab 9 Jahren

„Du bist da, Du bist fort“ 

Geschichten von Bart Moeyaert; gezeichnet von Rotraut Susanne Berner 

Buchtipp von Antje Pehn 

Wie häufig verabschieden wir uns in unserem Leben von jemanden und wie oft tauschen wir uns über diesen Schritt tatsächlich mit anderen aus? 

Bart Moeyaert nimmt sich des Themas Abschieds an. Mit drei Geschichten über das Verschwinden eines Menschen aus dem eigenen Leben, wendet er sich an die kleinen Leser. 

Diese Geschichten sind wahrlich keine leichte Kost, aber sie geben Anlass zum gegenseitigen Gedankenaustausch. 

Als sanfter Leseeinstieg empfiehlt es sich, mit der letzten Geschichte „Unsere Gasse“ zu beginnen. Der Autor beschreibt, dass mit einem Abschied nicht immer sogleich ein Verlustgefühl einhergehen muss, sondern dass man auch Erleichterung empfinden kann - zumindest für die erste Zeit…. 

Bart Moeyaert erzählt, wie Martes beim Fortgehen ihres Nachbarn und Bühnenpartners Arjan im ersten Moment Erleichterung verspürt. Wenn Arjan mit ihr auf der Bühne stand und sang, war er derjenige, der das Publikum in seinen Bann zog. Niemand achtete mehr auf Martes Tanzdarbietungen. Der Fortgang von Arjan nach Wien, kam Martes wie ein Segen vor – doch nur für den ersten Augenblick…. 

In der Geschichte „Wirklich weg ist nicht so weit weg“, geht Luises Vater in eine Entzugsklinik. Luise hofft, daß es ihrem Vater nach dessen Rückkehr wieder besser gehen wird. Auch wenn ihr Vater jede Nacht laut rumbrüllte, vermißt sie ihn. Doch noch ist der Vater nicht zurückgekehrt….. 

In der Geschichte „Für immer, immer“ begegnet Nanne am Dorfsee einer in sich versunkenen Frau mit rotem Hut. Die Frau singt ein Lied über den Verlust von Tasja Mei. Alle Dorfbewohner wissen um den Tod ihrer Tochter Tasja vor wenigen Monaten, außer Nanne. In ihrer Unwissenheit tut Nanne etwas, was die anderen Bewohner nicht wagen: Sie geht auf die Frau zu…. 

Bart Moeyaert beschreibt in seinen drei Geschichten nicht in erster Linie den Akt des Abschieds und die damit verbundenen Gefühle, sondern erzeugt in dem Leser eine Atmosphäre des Abschieds. Das gelingt dem Autor derart treffsicher, daß sich der Leser dieser Stimmung kaum zu entziehen vermag und zuweilen Betroffenheit und auch das Gefühl von sich anbahnendem Unheil empfinden kann. 

Die vereinzelten freundlich gestalteten Zeichnungen geben Anlaß zum Innehalten und Durchatmen. 

Auch wenn mit einem Abschied ein Neubeginn und eine Neubegegnung und damit Hoffnung und Lebenslust verbunden sein kann, mögen Erwachsene das Buch erst einmal selbst lesen, um einschätzen zu können, ob das Kind von diesen Geschichten erfahren sollte und ob es zu einem Gespräch zu diesem Thema bereit ist. 

Geschrieben von Bart Moeyaert. Bilder von Rotraut Susanne Berner. Erschienen beim Carl Hanser Verlag 2010. Für Kinder ab 10 Jahren. 

Zaubern auf einem Bein

Franz Fühmann "Doris Zauberbein"

Buchtipp von Steffi Brüning

Die siebenjährige Doris möchte zaubern lernen, um ihr Leben lustiger zu gestalten. Doch wie soll sie das anstellen? Eines Tages trifft Doris einen sprechenden Storch, der ihr erklärt, wie sie das Zaubern lernen kann. Sie muss eine Stunde lang ruhig auf dem linken Bein stehen können und  einzelne Zehen bewegen, ohne das die Anderen mitmachen. Doris übt hartnäckig Monat für Monat, Jahr für Jahr. Schließlich klappt es: Sie kann bis nach Afrika sehen, Hitze und Kälte erzeugen und ihre Gedanken dort laut werden lassen, wo sie gerade hinschaut. Von nun an nennt Doris sich „Zauberbein“ und will die Schwachen vor Unrecht beschützen. Doch schnell mischen sich die Polizisten ein, aus Angst überflüssig zu werden. Mit Spürantennen suchen sie überall nach der unbekannten Zauberin. Die clevere Doris schmiedet nun schnell einen Plan: Sie klettert auf das Storchennest, in dem mittlerweile eine ganze Storchenfamilie wohnt und zaubert von weit oben. Die Spürantennen bringen die Polizisten daraufhin zu den Störchen. Da die Polizisten aber nicht an zaubernde Störche glauben, erklären sie die Antennen für kaputt und fahren davon.

Als der Herbst über Doris Heimat einbricht, erklären ihr die Störche, dass sie bald nach Afrika fliegen müssen. Doris will selbstverständlich mitkommen, überlegt dann aber gründlich und beschließt zu hause zu bleiben um weiter die Schwachen, vom Storchennest aus, zu beschützen.

Eine wunderbare Geschichte für Kinder ab 9 Jahren. Aber auch Erwachsene können sich in dieser Geschichte wiederfinden. Franz Fühmann schrieb Doris Zauberbein in einer Nacht im Jahr 1982 und thematisiert hintergründig seinen inneren Konflikt mit der DDR.


Fühmann, Franz: Doris Zauberbein, Hirnstorff Verlag, 2004. Ab 9 Jahren.

 

Über den Umgang mit der eigenen Angst

Marjolijn Hof „Tote Maus für Papas Leben“

Buchtipp von Ariane Bellgardt 

Es ist schön, wenn wir viele Menschen um uns haben, die wir lieben und die uns lieben. Aber die große Bedeutung, die sie für uns haben, birgt auch immer potenzielle Angst und Trauer in sich. Nämlich dann, wenn die Gefahr besteht, dass wir sie nie wieder sehen.
Im Leben eines jeden Kindes ist es eine einschneidende Erfahrung, wenn es das erste Mal mit dem Thema Tod konfrontiert wird und sich in diesem Moment der Endlichkeit des Lebens bewusst wird.
Mama, was ist, wenn Papa nicht mehr von da zurückkommt, wo er jetzt ist? Das fragt sich die kleine Kiki, als sie plötzlich mit dem möglichen Verlust ihres Vaters konfrontiert wird. Als Arzt ist er in ein fernes Land gegangen, um dort zu helfen, doch schon nach wenigen Tagen meldet er sich nicht mehr und wird kurze Zeit später als offiziell vermisst erklärt.
Während die Suche nach ihm beginnt, bleibt Kiki und ihrer Mutter nichts weiter als zu Hause zu warten und darauf zu hoffen, dass er gefunden wird und ihm nichts passiert ist. Selbst können sie nichts tun. Oder doch?
Die kleine Kiki beschließt, nicht tatenlos zu verharren, sondern zu helfen, dass sie ihren Vater heil zurückbekommt. Mit ungewöhnlichen Mitteln versucht das verzweifelte Mädchen die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass es seinen Vater verliert. Von Mäusen und Katzen erwartet es sich dabei entscheidende Unterstützung. Aus der Perspektive Kikis geschrieben, erleben wir als Leser ihr Unverständnis, ihre Ängste, aber auch Hoffnungen hautnah mit. Von Ratlosigkeit über Trauer bis hin zu Wut und dem unbändigen Wunsch, helfen zu können, tauchen wir ein in die Gedanken- und Gefühlswelt des Mädchens. Durch die anschauliche und wirklichkeitsnahe Darstellung identifizieren wir uns von der ersten Seite an mit seiner Situation und hoffen und bangen mit ihm um das Leben ihres Vaters. Kennt doch jeder das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber Veränderungen im Leben, auf die wir keinen Einfluss haben.
Die Autorin bietet ihren jungen Lesern mit dieser Geschichte in verständlicher, aber vor allem ehrlicher Weise die Möglichkeit, sich auch mit den ernsten Themen des Lebens auseinanderzusetzen und zu lernen, dass der Tod zum Leben dazugehört. 

Hof, Marjolijn: Tote Maus für Papas Leben. Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik, Berlin Verlag GmbH, Bloomsbury K&J, Berlin 2010. Ab 9 Jahren

Auf dem schnellsten Weg zum Ziel

Franz Fühmann "Anna, genannt Humpelhexe"

Buchtipp von Steffi Brüning

Sieben Hasensprünge hinter dem Ende der Welt liegt die Hexenschule, die Anna besucht. Weil Anna zwei unterschiedlich lange Beine hat, wird sie von allen Anna Humpelbein genannt. Diesen Namen mag Anna natürlich nicht. Am meisten ärgert sie aber, dass ihre Mutter, die berühmte Hexe Rapunzel, sie zwingen will, zum Hexendoktor zu gehen, um die Beine gleichlang hobeln zu lassen. Anna will sich jedoch kein einziges Stück ihrer Beine wegnehmen lassen und beschließt, etwas Besonderes aus ihrer Behinderung zu machen. Sie übt heimlich so lange, bis sie auf dem kurzen Bein langsam wie eine Schnecke und auf dem langen Bein schnell wie der Wind laufen kann.

Während des alljährlichen Sportfestes offenbart Anna schließlich ihr Können beim Siebenmeilenlauf und begeistert alle Zuschauer. Nach ihrem Sieg beschließt Anna, auf den Händen zu laufen und schnell dreht sich die ganze Welt um. Auf ihren Händen läuft sie zum Ende der Welt, dreht sich richtig herum und will vor das Ende der Welt. Dort findet sie zwei streitende Riesen, die alles um sich herum kurz und klein hauen. Als sie Anna erblicken, wollen die Beiden auch sie zerstören. Doch Anna trickst die Zwei aus und flieht auf ihrem langen Bein schnell wieder nach Hause.

Diese Geschichte widmete Franz Fühmann einer behinderten Frau, die er in einer Psychatrie kennenlernte. Eine Geschichte für Kinder ab acht Jahren, die Toleranz und Verständis lehrt.

Fühmann, Franz: Anna, genannt Humpelhexe, Hirnstorff Verlag, 2002. Ab 9 Jahren.

Berge, Schnee und ein bisschen "Heidi"- Feeling

Maria Parr „Sommersprossen auf den Knien“ 

Buchtipp von Cathleen Hycnar

Ganz anders als der Titel und die Illustration des Buches vermuten lassen, spielt die Story nicht im Sommer-Camp, sondern in den schneebedeckten Bergen. Die Autorin Maria Parr kommt aus Norwegen und erzählt vom sorglosen Leben einer wilden, etwas moderneren "Heidi". Naja...fast sorglos. Unsere Kinder können mit diesem Buch in eine Welt eintauchen, in der sie mit Alltagssorgen zu kämpfen haben - wie die kleine, wilde Tonje Glimmerdal, die mit Löwenmut versucht, alles ins rechte Lot zu rücken und alle Beteiligten danken ihr mit Symphatie und Respekt. Das Kinderbuch erzählt von tiefer Freundschaft zwischen einem kleinen, wilden Mädchen zu einem einst griesgrämigen, verbitterten alten Mann und von großer Verlustangst, als ihm etwas passiert. Die Autorin hat wohl ihre gesamten Kindheitserinnerungen und die Geschichte von der berühmten "Heidi" (die übrigens auch eine kleine Rolle in dem Geschehen hat) in dieser Erzählung zu einem Paket geschnürt. Es ist sehr liebevoll und warmherzig aus der Sicht einer 9jährigen geschrieben, der Familiebande und tiefe Freundschaft sehr wichtig sind und für die sie alles riskiert. Sich sogar ihrer riesigen Angst vor Hunden stellt.
Wer seinem Kind "Heidi" etwas moderner nahe bringen will, der trifft mit diesem Buch genau ins Schwarze. Zeitlos geschrieben, deshalb auch ein Buch zum Weiterreichen in die nächste Generation. 

Parr, Maria: Sommersprossen auf den Knien. aus dem Norwegischen übersetzt von Christel Hildebrandt, Dressler, Hamburg 2010. Ab 8 Jahren

Abenteuer pur!

Gunnel Linde „Hilfe! Ich bin ein Werwolf“ 

Buchtipp von Cathleen Hycnar 

Eine irgendwie typisch skandinavische Story: Das fängt bei den typisch schwedischen Hackbällchen und den eingeweckten Preiselbeeren an und hört bei den etwas konservativen Eltern von Ulf, dem Hauptakteur dieses Buches auf. Für 10jährige Jungs und vielleicht auch abenteuerlustige Mädchen eine wirklich fesselnde Geschichte, die ganz nebenbei etwas Allgemeinwissen über die Werwolf-Mythologie vermittelt und wie wichtig es ist, auf dieser Welt einen besten Freund zu haben, der in der verzwicktesten Situation zu einem steht. Was der Leser aber auch lernt ist, dass jeder für das, was er anstellt, einstehen und es wieder gut machen muss und dass Lügen kurze Beine haben...
Ein empfehlenswerter Abenteuer-Roman, fernab unserer Computerwelt, bei dem unsere Kinder mal abschalten und in eine kleine Fantasiewelt abtauchen können - ohne sich, wie der Titel eventuell vermuten lässt, gruseln zu müssen. Ausserdem macht die Geschichte vom unterdrückten Ulf "Werwolfs -Mut", sich gegen prollige Mitschüler auch mal durchzusetzen. 

Im Laufe des Geschehens gibt es sogar einen kleinen Finnisch-Crashkurs!

Linde, Gunnel: Hilfe! Ich bin ein Werwolf. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2009. Ab 9 Jahren

Von Piraten und den Weiten der Meere

Kirsten John „Wer war Klaus Störtebeker?“

Buchtipp von Ariane Bellgardt 

Jedes Jahrhundert hat seine Helden. Aber nur wenige von ihnen bleiben uns Menschen über einen so langen Zeitraum im Gedächtnis wie die Hauptfigur dieses Buches. Jedes Kind kennt ihren Namen, und dies seit über 600 Jahren.
Um das Leben von Klaus Störtebeker ranken sich viele Legenden und Geschichten. Wer hat nicht schon einmal davon gehört, dass er nach seiner Enthauptung an elf seiner Kameraden vorbeigegangen sein und sie so gerettet haben soll?
Doch wie es für Legenden typisch ist, sind Wahrheit und Dichtung nur schwer voneinander zu unterscheiden. Und so fragen wir uns bis heute: „Wer war Klaus Störtebeker?“.
Wer eine Antwort auf diese Frage haben möchte, der sollte das gleichnamige Buch von Kirsten John unbedingt lesen. Denn hierin können wir in fünf spannenden Kapiteln in das Leben des großen Piraten eintauchen und mit ihm auf große Reise durch die Gewässer der Nord- und Ostsee gehen. Wir lernen den weithin bekannten und gefürchteten Piraten Klaus Störtebeker kennen, der den Bierbecher in einem Zug stürzt und deswegen Klaus Stürz-den-Becher / Störtebeker genannt wurde. Wir beschützen mit ihm zusammen die Stadt Stockholm vor den Dänen, wir kapern gemeinsam reich beladene Handelsschiffe und wir teilen die eroberte Beute gleichberechtigt unter allen Piraten. Neben dem Piraten der Meere begegnen wir aber auch einem liebevollen und fürsorglichen Mann Klaus Störtebeker, der sich mit seinen „Likedeelern“ von allen anderen Piraten durch seine Großherzigkeit unterscheidet.
Und ganz nebenbei lernen wir in der angefügten Chronik sowie den kurzen Zwischenpassagen etwas Allgemeines über das ausgehende Mittelalter, über die Zeit also, in der neben Klaus Störtebeker auch viele andere Piraten und Kaufleute die Meere besegelten und in den Küstenstädten Handel betrieben. Durch viele Erklärungen von Namen und Begriffen können wir uns nach dem Lesen des Buches außerdem als richtige Seefahrts- und Schiffsexperten bezeichnen.
Es lohnt sich also in vielfacher Hinsicht, mit Kirsten John auf die Reise zu gehen und ein Stück des Geheimnisses um den sagenhaften Helden zu lüften. 

John, Kirsten: Wer war Klaus Störtebeker?, Jacoby & Stuart, Berlin 2008. Ab 9 Jahren